„Aguas quentes“

Am Samstag war ich mit meiner Gastschwester joggen und es war das anstrengendste Training das ich je hatte. Ich bin es nicht gewöhnt Berge rauf und runter zu joggen und meistens jogge ich auch Abends und nicht in der Mittagshitze. Eigentlich habe ich die Hitze der Sonne nicht wirklich gespürt, aber am Abend hatte ich einen sehr dollen Sonnenbrand, der heute immer noch weh tut. Am Abend sind meine Gastschwestern, ein paar Freunde von ihnen und ich auf einen nahegelegenen Rummel gefahren. Es gab nicht viele Geräte, aber ich glaube es war zu Deutschland vergleichsweise billig. Wir bezahlten 1000 Colones (1,40 Euro) für eine Fahrt. Die Sicherheitsbedingungen waren sehr grenzwertig. Auf der Piratenschiffsschaukel konnte man die Stange, die zur Sicherheit runtergeklappt wurde, auf der Fahrt wieder aufklappen und auf einer sich drehenden und hüpfenden Scheibe gab es keine Sicherheitsgurte, sondern man musste sich an einer Stange hinter sich festhalten. Dazu waren die Hüpfbewegungen so stark, dass die Füße hochgeschleudert wurden und man viel Kraft aufwenden musste um sitzen bleiben zu können. Meine Gastschwestern hatten am nächsten Tag sogar viele blaue Flecken. Am Sonntag wurde ich um 3 Uhr früh geweckt, da wir zu warmen, vulkanischen Quellen fahren wollten. Auf dem Weg hielten wir an mehreren schönen Parks um Fotos zu machen und um etwas zu essen. Am Tag zuvor hatte meine Gastfamilie erwähnt, dass der Vater am Sonntag mit dem Fahrrad fahren würde, aber ich verstand nicht wann und wo. Als wir ein weiteres Mal hielten sah ich viele Fahrradfahrer und mein Gastvater holte sein Fahrrad aus dem Kofferraum und zog sich Sportsachen an. Ich verstand dann erst, dass er ein Rennen fahren würde, aber mir war noch nicht klar, dass wir auf ihn warten müssten und auch noch nicht wie lange. Ich fragte nach und es hieß, dass wir 3 Stunden warten müssten. Ich war aber eh noch totmüde, da wir so früh aufgestanden sind und versuchte ein bisschen zu schlafen. Als es dann endlich weiterging bekam ich hunger, da ich noch nicht viel an dem Tag gegessen hatte und es schon 13 Uhr war. Wir hielten an einem Restaurant mit dem Namen „Leguan“ um ein Eis zu essen und meine Gastfamilie erzählte mir, dass das Restaurant so hieße, da es hier viele Leguane zu sehen gibt. Ich habe tatsächlich 8 Leguane in verschiedenen Größen und Farben gesehen, die sich in der Nähe des Restaurants aufhielten. Ich machte ein paar Fotos und es ging weiter. Wir hielten ein letztes Mal auf der Fahrt um Mittag zu essen und als wir weiterfuhren fing es an zu regnen. Da es aber Nachmittag war und den ganzen Tag schon die Sonner geschienen hatte, war es warmer angenehmer Regen. Um 14 Uhr kamen wir endlich am Ziel an. Es war anders als ich es mir vorgestellt hatte. Es war kein stiller Ort mitten im Wald an dem man alles vergessen konnte und an dem es so ruhig war, dass man jedes kleinste Geräusch hätte hören können, sondern eine Art Fluss unter einer Brücke hindurch. Es gab zwei „Becken“, die sehr Flach waren (ca. 80 cm tief an der tiefsten Stelle). Eins auf der einen Seite der Brücke, eins auf der anderen. An den Stellen wo das Wasser des Flusses in diese Becken floß, entstand ein kleiner Wasserfall und wenn man sich traute durch den Wasserfall und unter dem Rand hindurch zu tauchen, kam man in eine kleine Höle die sehr dunkel war. Wir blieben ungefähr eine Stunde, da wir noch den 5-stündigen Heimweg vor uns hatten. Ich war wieder sehr müde, aber da der Fahrstil meines Gastvaters, und auch von den meisten Lateinamerikanern, sehr gewöhnungsbedürftig ist, konnte ich nicht wiklich schlafen. Zu den Straßen, die voller Schlaglöcher und unebenen Stellen war, fuhr er so schnell, dass er in Deutschland zwei Mal den Führerschein abgeben müsste, und bretterte einfach über die Straßenunebenheiten. Mein Kopf knallte also jede 2 Sekunden an die Fensterscheibe und ich dachte, dass ich eine Gehirnerschütterung bekomme. Als die Müdigkeit nach 4 Stunden etwas nachlies bewunderte ich die untergehende Sonne. Sie tauchte den Himmel und die Wolken in rote und rosane Farben und ich beobachtete wie die Farben immer blasser wurden, bis der Himmel letztendlich ganz dunkel wurde. Als ich die Augen wieder schließen wollte, fuhren wir grade einen kleinen Berg runter und ich konnte  verschiedene Städte in der Ferne sehen. Aber ich sah keine Häuser mehr, sondern ein Meer aus funkelnden Sternen. Alles glitzerte und ich war für diesen Augenblick sehr glücklich.

Día da madre

Meine Familie, das kann ich immer nur wiederholen, ist sehr nett. Was mir aber auffällt ist, dass meine Familie offensichtlich nichts von Recycling und umweltbewussten Verhalten versteht. Wenn ich mit meiner Gastmutter einkaufen gehe, braucht sie immer 2 Platiktüten, auch wenn es nicht viel ist was wir eingekauft haben und es locker in eine gepasst hätte, um die Einkäufe zu verstauen. Zu Hause wirft sie sie aber direkt weg, anstatt sie nochmals zu benutzen. Als ich meiner Gastmutter gestern half das Mittagessen vorzubereiten,  wusch ich den Salat und sie sagte mir, dass ich alle Blätter die nur ein bisschen braun waren und ein paar Flecken hatten auszusortieren. Ich fragte mich warum und als ich fertig war warf sie die aussortierten Salatblätter einfach weg, obwohl man die noch hätte essen können. Aber warum? Eines Tages, wenn ich besser Spanisch sprechen kann, werde ich sie fragen.

Gestern war der Geburtstag von einer meiner Gastschwestern. Ich hatte nur Zeit ihr kurz zu gratulieren, dann musste sie schon in die Schule. Ich sah keine Geschenke und keinen Kuchen. Nichts. Auch als sie nach Hause kam, nichts. Am Abend aber, haben wir (der Rest der Familie) einen Kuchen für sie gekauft, aber da ich einen Migräneanfall hatte, war ich nicht dabei, als sie gesungen haben und ihn gegessen haben. Ich frage mich ob sie dann dort geschenke bekommen habe, aber bisher habe ich noch nichts gesehen. Bekommt man hier nichts zum Geburtstag oder bin ich einfach nur blind?
Heute ist Muttertag (día da madre) und der Geburtstag von meiner kleinen Schwester in Berlin. Meine Gastschwestern und ich haben unserer Mutter gestern schon Blumen geschenkt, da die Läden heute nicht auf haben, weil Muttertag hier als Feiertag gilt. IIch habe gestern Abend mit meiner Schwester und meinem Vater geskypt und wir haben gewartet, bis es in Deutschland 00:00 geworden ist, damit ich ihr schon gratulieren konnte. In dem Moment war ich unglaublich traurig, dass ich nicht bei ihr sein und sie nicht in den Arm nehmen konnte. Ich war den ganzen Abend über noch ein bisschen traurig, doch als ich Migräne bekam ging ich früh ins Bett und dachte nicht mehr daran.
Morgens ist das Gefühl, dass ich nach Hause zu meiner Familie will am stärksten. Ich liege im Bett und bin mit meinen Gedanken ganz alleine. Ich stelle mir meinen kleinen Bruder vor und das ich eine sehr wichtige Entwicklungsphase verpasse. Ich denke an die Schule, die hier so einfach ist und das ich nach dem Jahr in der Schule zurückhängen werde. Ich denke an das Essen, dass hier so anders ist. Es gibt zum Frühstück Kaffee mit sehr viel Zucker und ein ungetoastetes Weißstoast mit Butter. Zum Mittagessen kocht meine Gastmutter immer frisch, aber es gab bisher nur Fleisch. Nudeln mit Fleisch, Kartoffeln mit Fleisch, Reis mit Fleisch und heute gibt es Suppe mit Fleisch. Danach gibt es manchmal Früchte. Hier isst man kein richtiges Abendbrot, sondern es gibt so um 17:00-18:00 wieder Kaffee und ein Weißtoast. Auch wenn ich satt werde, obwohl ich sonst immer viel mehr esse, vermisse ich ein richtiges Vollkornbrot mit richtigem Aufschnitt. Ich denke an vieles morgens und fühle mich sehr alleine und wiederstandslos. Ich stelle mir auch häufig die Frage, was dieses Jahr wirklich bringt. Am Anfang hat man es schwer und vermisst sein Zuhause, in der Mitte hat man mal eine sehr fantastische Zeit, da man sich eingelebt hat, Freunde gefunden hat und viele neue Sachen erlebt und am Ende ist man sehr traurig, dass man das alles zurücklassen muss und nicht weiß ob man seine Familie hier jemals wiedersehen wird. Außerdem hängt man danach im Schulstoff  zurück und muss sowieso die 11. Klasse wiederholen. Wenn ich dann aber die Wahl gestellt bekommen würde mach Hause zu fahren oder hier zu bleiben würde ich trotzdem hier bleiben wollen und ich sage mir auch immer wieder, dass ich das schaffen werde und dass ich stark bleiben muss. Ich weiß, dass das Auslandsjahr mir viel mehr bringen wird, als das was ich glaube zu verpassen. Natürlich weiß ich noch nicht was es mir genau bringen wird, aber ich bekomme immer wieder gesagt, dass man seine Familie und das Leben in Deutschland mehr schätzen lernt und sich seine Denkweise in vielen Hinsichten verändert. Und obwohl ich erst eine Woche hier bin, habe ich schon vieles gelernt. Die Leute achten hier nicht so aufs Aussehen wie ich es in Berlin gewohnt bin. Hier ist es nur wichtig, dass man sich pflegt und jeden Tag duscht. Außerdem akzeptiert man hier jeden so wie er ist und ich bin froh, dass ich diesen Schritt gewagt habe und zwinge mich dazu durch zu halten.
So ging es mir bisher jeden Morgen. Es liegt daran, dass ich morgens ganz für mich bin, denn wenn ich aufstehe, habe ich etwas zu tun und lebe im Jetzt und denke nur an die nächsten Stunden und Tage.

Langsam habe ich das Gefühl, dass ich die Hälfte des Dorfes kenne. Jeden Tag kommt mindestens ein Person bei meiner Familie vorbei, die ich noch nicht kenne und auch auf der Straße werde ich jedem vorgestellt, den die Familie kennt. Verwandte, Freunde, Bekannte, Nachbarn und sogar ein Taxifahrer, der anscheinend mit meiner Familie befreundet ist. „Das ist Lana. Sie wohnt ein Jahr bei mir. Sie macht ein Auslandsjahr mit einer Organisation. Sie ist Deutsche. Sie wird hier auch zur Schule gehen.“ So lautet der Text, den meine Gastmutter meisten verwendet um mich bekannt zu machen. Und ich nicke dabei immer hofflich, lächle und sage Hallo.

Am Wochenende fahren wir nach San Carlos. Die Stadt liegt im Nordosten an der Grenze zu Nicaragua und wir fahren dorthin um in warmen Erdwasser, dass von einem naheliegenden Vulkan kommt, zu baden. In Brasilien gab es sowas und ich freue mich sehr darauf meine Erinnerungen aufzufrischen. In Brasilien sind wir immer Abends zu den „Aguas quentes“ (heißen Quellen) gefahren. Es war dunkel und man musste noch durch ein Stück Wald gehen um zu ihnen zu gelangen. Anschließend musste man sich schnell umziehen oder ausziehen, je nachdem ob man schon Schwimmsachen an hatte oder nicht, und ins warme Wasser springen, damit man nicht von den Mücken zerstochen wurde. Es war das schönste Gefühl, dass ich jemals gespürt habe. Du liegst im warmen Quellwasser, hast die Augen zu und hörst nur das zirpen der Grillen, das quaken der Frösche und Kröten und den Wind in den Bäumen. Wenn du dann die Augen auf machst siehst du den schönsten und deutlichsten Sternenhimmel, den du je gesehen hast.
Wir werden aber am Tag hinfahren, aber ich glaube es wird auch außergewöhnlich schön werden.

Schule?

Ich dachte, ich muss heute in die Schule aber dem war nicht so. Wir mussten nur zur Schule um mich anzumelden und meine Schuluniform zu besorgen. Zwei AFS-Austauschschülerinnen aus Italien und ein Austauschschüler aus Schweden gehen auch auf meine Schule und wir haben uns alle samt Familien vor der Schule getroffen. Wir mussten alle zur Direktorin, um unseren Stundenplan durchzugehen. Wir sind leider alle in verschiedenen Klassen. Ich werde in die 10-4 gehen. 10 zeigt die Klassenstufe an (in Costa Rica gibt es nur 11 Jahre) und die Zahlen danach die verschiedenen Klassen, die es in einer Jahrgangsstufe gibt.
Am Haupteingang haben wir einen anderen AFS-Austauschschüler getroffen, der hier schon im Auslandsjahr war und jetzt zurückgekommen ist, um seine Gastfamilie zu besuchen. Wie sich herausstellte, war er auch Deutscher und das freute mich, auch wenn er im September wieder abreisen wird.
Mir wurde außerdem eine Ansprechperson zugeteilt, die ich heute auch kennengelernt habe. Es ist ein sehr netter Mann und anscheinend habe ich sehr traurig geguckt, als wir in der Schule waren, denn er meinte zu mir, dass ich das alles schon hinkriege und dass alle hier super nett sind. Das rührte mich auf eine Art und ich hatte Tränen in den Augen, die ich aber direkt aufhielt herunter zu laufen.
Verschiedene AFS-Mitarbeiter, unter anderem auch mein Ansprechparter, zeigten uns dann die Schule und der Junge aus Deutschland begleitete uns. Wir sollten alle unseren Klassen vorgestellt werden aber meine war heute nicht da. Deswegen muss ich morgen nochmal zur Schule, damit ich auch meine Klasse kennenlerne.
Und nächste Woche gehen wir 4 endlich das erste mal zur Schule und wie schon erwähnt, bin ich sehr aufgeregt. Diese Woche haben wir deswegen keine Schule, da alle Schüler diese Woche alle Arbeiten schreiben und kein normaler Unterricht stattfindet. Am Freitag wäre sowieso frei, da hier Muttertag ist und dies als wichtiger Feiertag gilt.

Gestern haben wir noch die Arbeitsstelle von meinem Gastvater besucht. Er macht anscheinend viele Sachen und unter anderem führt er einen Laden, zu dem wir gefahren sind. Ich durfte mich hinter die Kasse setzen und zuschauen, wie eine Mitarbeiterin (die Tante oder Freudin meiner Familie, ich weiß es nicht genau)  die Kasse bediente. Am Anfang verging die Zeit sehr schnell und ich wunderte mich sogar ein bisschen, dass ich es so lange aushielt. Natürlich gab es einige kleine Konversationen aber die meiste Zeit war ich mit meinen Gedanken allein, lief im Laden rum oder saß einfach hinter der Kasse. Nach 2 Stunden wurde ich müde und die Zeit verging unglaublich langsam. Jedes Mal wenn ich auf die Uhr schaute, waren erst 2 min. vergangen und ich fragte mich, wann wir endlich wieder fahren würden. Irgendwann sagte meine Gastmutter, dass wir in 1 Stunde fahren würden und ich rappelte mich auf, damit ich nicht auf dem Stuhl einschlief. Ich frage mich, warum ich so früh müde werde und so früh aufwache. Dies liegt wahrscheinlich an der Zeitumstellung aber ich gewöhne mich von Tag zu Tag mehr an den neuen Alltag und die Uhrzeiten.
Um 10 waren wir dann endlich zu Hause und ich fiel ins Bett und war sofort weg.

Heute werden wir noch nach Cartago fahren um meine Schuluniform zu vervollständigen und um meine Gastschwestern von der Schule abzuholen, da sie glaube ich heute irgendwelche Noten bekommen die wichtig sind. Und mal sehen, was ich morgen so machen werde. Vielleicht traue ich mich das erste Mal alleine raus und mache einen Spaziergang in die Stadt. Vielleicht mache ich ein paar Fotos von meiner Umgebung. Vielleicht…

Erster Tag in der Gastfamilie

Als ich gestern aufgewacht bin fing mein Herz schneller an zu schlagen. Ich würde meiner Gastfamilie das ertse Mal begegnen. Ich stand auf, ging frühstücken, packte und brachte meine Sachen auf den Parkplatz wo schon verschiedene Busse standen, die uns an verschiedene Orte bringen würden. Als ich im Bus saß war ich ganz ruhig und genoß einfach nur die Landschaft. Landschaft voller Berge, überall Menschen auf den Straßen, die wenn ich ihnen zulächelte zurücklächelten und wunderschöne Friedhöfe. Sie bestanden nur aus weißen großen Grabsteinen und ich sah überall Blumen. Unser Bus hielt in verschiedenen Städten und lies die jeweiligen Leute raus, die dort von ihren Gastfamilien abgeholt wurden. Und aufeinmal, nichmal 10 min. der vorherigen Stadt entfernt, hielten wir schon wieder. Ich sah meine Gastmutter, meine Gastschwestern und meinen Gastbruder und mein Herz machte einen Sprung. Ich hatte nicht gedacht, dass wir so kurz brauchen würden, da zwischen den anderen Stationen immer mehr als 20 min. gelegen haben. Sie hatten mir Blumen gekauft und wir begrüßten uns mit einer Umarmung. Dann fuhren wir mit dem Taxi nach Hause, dass weniger als 5 min. brauchte, da Paraiso eine kleine Stadt ist. Wir kamen an und sie zeigten mir mein Zimmer in dem ein Bett, ein Schrank für meine Klamotten und ein kleines Regal standen. Außerdem hatte sie in Glitzerbuchstaben meinen Namen an die Wand geklebt. Ich räumte meine ganzen Sachen ein, dann zeigten sie mir die Wohnung und wir besuchten ihre Großeltern und Tanten und Onkel, die gleich eine Ecke weiter wohnen. Nachdem wir zu Mittag gegessen hatten ruhten wir uns alle ein bisschen aus. Doch als ich in meinem Zimmer war fühlte ich mich nicht wohl. Ich fühle mit allein, zurückgelassen und unfähig irgendetwas zu tun. Mir liefen ein paar Tränen die Wangen runter und ich beschloss meine Mutter und meine Schwester per Skype an zu rufen. Sie gaben mir ein bisschen Mut und ich legte mich schlafen um endlich zur Ruhe zu kommen. Nachdem ich wieder aufgewacht war, steckte ich ein paar Fotos von meinem kleinen Bruder und meiner Schwester in eine Leiste, die einmal quer durchs mein Zimmer geht. Das Gefühl, dass ich empfunden hatte war weg und ich wünschte mir, dass es nie wieder kommen würde. Es war die schlimmste Empfindung, die ich je gespürt habe. Endlich zu realisieren, dass du auf der anderen Seite der Erde ganz allein auf dich gestellt bist und nichts daran ändern kannst. Du verstehst die Sprache nicht auch wenn du sie in der Schule gelernt hast, da die Leute hier viel schneller reden als man es gewohnt ist und das costarikanische Spanisch sich ein bisschen von spanischen Spanisch unterscheidet. Und Reden klappt noch weniger außer auf Fragen, die du nur halb verstehst entweder „no“ oder „si“ zu antworten.
Nachdem wir uns alle ausgeruht hatten, gingen wir auf ein Straßenfest. Es war mittlerweile dunkel geworden und wir setzten uns an den Straßenrand und hörten die „Bands“ an die hintereinander auf der Straße her gingen. Diese Bands bestanden meistens aus Trompeten, Posaunen, tragbaren Xylophonen, kleinen und großen Trommeln und manchmal gab es sogar Tänzerinnen. Zu dem waren die meisten Musiker sehr jung. Kinder und Jugentliche, die so fantastisch spielten und sich in ihrer Sache so sicher waren, wie ich es bisher nur einmal erlebt hatte.  Es erinnerte mich an die Abende in Brasilien und in diesem Moment vergass ich alles und genoß den Anblick und die Musik und versuchte das Gefühl der Geborgenheit, dass entstand fest zu halten.

 

Am nächsten Tag, also heute, mussten meine Gastschwestern sehr früh aufstehen, da sie zur Schule mussten. Ich musste noch nicht, da ich mit meiner Gastmutter noch zur Bank musste und ein paar Einkäufe erledigen musste. Ich habe das Gefühl, dass ich sogar nach einem Tag schon die Sprache ein bisschen besser verstehe und ich freue mich darauf, jeden Tag mehr zu verstehen und irgendwann genau so schnell sprechen zu können wie alle hier. Heute habe ich meiner Gastmutter schon in Haushalt geholfen. Ich habe das Esszimmer und das Schlafzimmer meiner Gasteltern gefegt, meine Wäsche gewaschen und aufgehangen und nach dem Mittagessen gespült. Da man hier früher aufsteht, d.h. so um 05:30, da die Schule schon um 7 anfängt, isst man auch früher zu Mittag. Ich kann aber etwas später aufstehen, da ich nicht auf die gleiche Schule wie meine Gastschwestern gehe. Ihre Schule ist in Cartago und sie müssen mit dem Bus hinfahren und ich brauche 10 min. von hier zu Fuß. Ein Mädchen aus Italien, die ich auch schon im Camp kennengelernt habe, ist die Gastschülerin von der Tante meiner Familie und sie wird auf die gleiche Schule und ich glaube auch in die selbe Klasse gehen, wie ich. Das gibt mir ein bisschen Hoffnung, dass ich nicht ganz alleine an der neuen Schule bin.
Ich weiß nicht warum, aber wenn meine Gastschwestern von der Schule kommen, werden wir den Vater bei seiner Arbeit besuchen. Er ist sehr nett, fährt jeden Tag mehrere Stunden mit seinem Rennrad und hat viele Tätowierungen.
Und morgen gehe ich das erste Mal zur Schule. Ich bin sehr aufgeregt, da ich nicht weiß was mich erwartet und hoffe, dass ich nicht alzu hoffnungslos aussehe, wenn ich versuche alle Fragen erstmal zu verstehen und dann irgendwie zu beantworten.

Aufregung steigt

Heute bin ich sehr früh aufgewacht und die Spuren von gestern Abend waren über Nacht verschwunden. Nichts, keine Pflanze und kein Stück Erdboden war noch nass. Alles blühte, es roch nach Pflanzen und die ersten Tiere fingen an Geräusche zu machen. Ein wunderbarer Morgen für mich. Es war noch relativ kalt (man konnte trotzdem im T-shirt rumlaufen), aber dafür tat die Sonne auf der Haut sagenhaft gut. Zum Frühstück gab es Ei, Brot mit verschiedenen Belägen, Cornflakes, Teigtaschen, eine Art Pfannkuchen und natürlich das Nationalgericht „Gallo pinto“, also Reis mit Bohnen. Danach mussten wir uns alle im Versammlungsraum zusammenfinden und ich erkannte zwischen all den Leuten neue Gesichter. Über Nacht war anscheinend eine Gruppe aus Dänemark angekommen, die den Flug in Miami verpasst hatten und 16 Stunden dort am Flughafen warten mussten. Jetzt haben wir hier Amerikaner, Kanadier, Isländer, Deutsche, Italiener, Schweizer, Holländer, Finnländer, Leute aus Dänemark, Schweden, Ungarn und eine einzige aus Indien, die die erste Inderin ist, die nach Costa Rica gegangen ist. Wir bekamen Infos über unser Verhalten in den Gastfamilien, in den Schulen, außerhalb der Schulen, was wir in verschiedenen Situationen zu beachten haben, wie wir mit Problemen umgehen sollen, Regeln die wir befolgen sollen und vieles mehr. Danach wurden wir in Gruppen aufgeteilt und sprachen über Stereotypen, Vorurteile, unsere Ängste und Erwartungen und über die Kultur Costa Ricas.
Später am Nachmittag kam der Präsident von AFS in Costa Rica und hat sich vorgestellt und mit uns ein paar Gruppenspiele gespielt. Er war sehr sympatisch und fröhlich und hat uns erzählt, dass AFS dieses Jahr 100 Jahre alt wird.

Und morgen ist endlich der große, langersehnte Moment gekommen: Ich lerne meine Gastfamilie das erste Mal persönlich kennen. Ich bin sehr aufgeregt und freue mich insbesondere auf meine Gastschwestern. Wir werden alle mit verschiedenen Bussen direkt vor die Hasutür gebracht. Ich frage mich ständig, wie ich die verschiedenen Familienmitglieder begrüßen soll und ob ich genug Spanisch sprechen kann um mich richtig zu bedanken und ihnen zu sagen, wie sehr ich mich freue, dass sie mich aufnehmen wollen und dass ich mich sehr freue sie alle kennen zu lernen. Aber das werde ich leider erst morgen erfahren!

Abreise – Gefühle – Ankommen

Am Mittwochabend kam eine Freundin spontan zu Besuch, obwohl ich eigentlich mit meiner besten Freundin verabredet war. Nachdem ich sie mehrmals gefragt hatte, warum sie gekommen ist und darauf keine richtige Antwort bekam bzw. sie versuchte irgendetwas zu verstecken, merkte ich das etwas nicht stimmte. Auf einmal klopfte es dann und meine Freundin aus Kiel stand vor der Tür, da wurde mit klar, dass meine Mutter mir eine Überraschungsparty geben wollte. Es kamen immer mehr und ich war irgendwie überfordert mich allen meinen Freunden und Bekannten gleichzeitig zu widmen. Trotzdem war es ein sehr schöner Abschiedsabend und ich war sehr gerührt, dass so viele Leute extra für mich gekommen sind.
Am nächsten Tag wachte ich mit meiner besten Freundin auf und es ging los. Ich packte noch schnell die restlichen Sachen in meinen Koffer und ich musste mich von meinem kleinen Bruder verabschieden, der in dem Moment schlecht drauf war, da er nicht viel geschlafen hatte. Meine Mutter weinte desswegen, weil er sich nicht richtig von mir verabschieden konnte. Aber ich fand es gut so. Er hätte es sowieso nicht wirklich verstanden und als er schlief konnte ich mich in Ruhe von ihm verabschieden, auch wenn er es nicht mitbekommen hat. Ihn das letzte Mal zu sehen machte mich sehr traurig und schluckte ein paar Tränen runter. Ich machte es so schnell wie möglich ein paar Worte zu ihm im Schlaf zu sagen, damit ich nicht noch trauriger wurde und verdrängte einfach den Gedanken, dass ich ihn eine lange Zeit nicht mehr sehen werde.
Jedenfalls fuhren wir dann los und kamen Nachmittags in Frankfurt an. Wir gingen in einem netten Restaurant essen und machten uns noch einen schönen Abend und konnten es garnicht glauben, dass der nächste Tag, DER Tag ist.
Am morgen hatte ich keine Zeit irgendetwas zu machen, außer kurz zu duschen, denn wir hatten ein bischen verschlafen und mussten los, da wir eine halbe Stunde zum Flughafen brauchten. Da angekommen, sehen ich Papa zwischen allen anderen Eltern und Austauschschülern stehen.  Bis dahin war ich noch nicht ernsthaft bedrückt gewesen und war es danach auch nicht. Zuerst ging alles ganz langsam. Ich musste anstehen und meinen Koffer aufgeben und warten bis alle damit fertig waren. Dann ging plötzlich alles ganz schnell. Die Betreuerin, die uns nach Costa Rica brachte sagte wir sollen uns jetzt verabschieden. Dies gab mir einen Stich ins Herz, da es so plötzlich kam. Wir verabschiedeten uns und meine Schwester fing an zu weinen, aber ich musste durch die Sicherheitskontrolle. Ich ging ein paar Mal zu ihnen zurück um nochmal Tschüs zu sagen. Das letzte Mal sah ich meine beste Freundin, die versuchte ihre Tränen vor mir zu verstecken. Dies brach mir endgültig das Herz und mir kullerten auch Tränen hinunter, aber da ich dann dran war meinen Handgepäckkoffer auf das Band zu legen blieb nicht genug Zeit, meiner besten Freundin genug Mut zuzureden um ihre Tränen zu versiegeln. Nachdem ich durch war, sah ich sie alle nur noch winken immer wenn ich geguckt habe. Ich hatte Tränen in den Augen, aber auch dann blieb nicht viel Zeit, da wir unseren Flug bekommen mussten. Also riss ich mich zusammen und es ging ins Flugzeug. Als der Flieger gestartet ist habe ich „Next Year“ von den Foo Fighters auf Kopfhörern laufen lassen und habe angefangen, die Briefe, die mir geschenkt wurden, zu lesen. Als ich den meiner Schwester las, kamen mir die ersten Tränen, obwohl sie nicht alzu viel geschrieben hatte. Danach den von meinem Vater, den er wie immer sehr kreativ gestaltet hatte. Tränen liefen immer schneller meine Wange hinab und der letzte Brief von meiner besten Freundin brachten mich leztendlich richtig zum weinen. Da ich aber im Flugzeug saß und mir das irgendwie peinlich war, ünterdrückte ich alles und hörte einfach nur Musik. Der Flug von Frankfurt nach Madrid verging relativ schnell und das Umsteigen war stressig, da der Flughafen von Madrid riesig ist und wir nur eine Stunde Zeit hatten um zu steigen.
Dann ging es erst richtig los. Der 11-Stunden-Flug nach San Jose, Costa Rica. Ich las, hörte Musik, schlief und schaute Filme, die auf dem Fernseher für alle liefen. Es gab drei Mahlzeiten. Die erste war das Mittagessen. Es gab Reis mit Gemüse, dazu Salat und als Nachtisch einen Brownie. Trinken gab es so viel wie man wollte. Die zweite Mahlzeit habe ich leider verpasst, aber ich hatte eh kein Hunger. Die letzte Mahlzeit gab es kurz vor der Landung: Ein Weißbrötchen mit Wurst, einen Joghurt und ein Kuchenstück.
Und dann war es endlich soweit. Wir landeten. Ich packte meine Sachen zusammen und versuchte mir klar zu machen, dass alles was ich mir bisher nur vorgestellt hatte, jetzt Wirklichkeit ist. Ich bin in Costa Rica und ab jetzt gibt es kein Zurück mehr. Ich ging langsam auf den Ausgang zu und schaute den langen Gang entlang, der mich in mein neues Leben führen würde und den ich jetzt endgültig gewagt hatte.

Als ich nach Draußen kam, regnete es in Strömen. Große Wassertropfen fielen vom Himmel und im ersten Augenblick dachte ich, wir hätten Deutschland noch garnicht verlassen. Doch als wir mit dem Bus abgeholt wurden und wir im Regen die Straßen von San Jose langfuhren, sah man das Tropische durchschimmern. Es gab Palmen und bunte Büsche. Wolken, die in einem kleinen Tal voller Sträuchern tiefer waren als wir mit dem Bus fuhren. In der Ferne sah mal Favelas und die Straße war voll von kleinen Schlaglöchern.
Die Schule in der wir bis Sonntag wohnen ist riesig und wunderschön. Aufgebaut wie lange Tunnel, die aber links und rechts offen sind und überall Natur. Bunte Blüten, tropische Sträucher und einen riesigen Mammutbaum.
Jetzt sitze ich in meinem Zimmer, dass ich mit noch zwei anderen Mädchen  teile und begreife immer noch nicht, dass ich jetzt 8000 km weit weg von meiner Familie und meinen Freunden bin und frage mich wann die Erkenntnis kommt und ob sie mich hart treffen wird oder ob ich mich dann nur noch mehr freue hier zu sein.

Meine Gastfamilie

Ich werde in Paraiso, dass ist nahe der Hauptstadt San Jose, in einem Haus wohnen. Paraiso ist eine kleine Stadt in der man fast alles zu Fuß erreichen kann. Sie ist umgeben von großen, sehr schönen Bergen und Flüßen. Es gibt kein einziges 3-stöckiges Haus, außer die Kirche, die in Zentrum steht und vor der der zentrale Platz Paraisos ist, mit einem Springbrunnen und vielen Sitzmöglichkeiten.
Hier ist alle sehr bergig und alle Häuser sehen ungefähr gleich aus.

Ich habe 2 ältere Gastschwestern (17 und 18), einen kleinen Gastbruder (6) und meine Gasteltern sind im Vergleich zu deutschen Eltern sehr jung. Meine Schule liegt 1 km entfernt, die ich zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen werde. Meine Familie macht regelmäßig Sport und ist zum Glück nicht so streng katholisch wie die meisten Familien in Lateinamerika. Sie haben keine Haustiere und sind streng gegen das Rauchen und den Konsum von Alkohol. Ich soll in der Woche um 6 zu Hause sein und am Wochenende und 8. Auch wenn das auf den ersten Blick sehr streng erscheint, glaube ich, dass mich die Familie nicht besser hätte treffen können und sie scheinen auf den Bildern auch sehr liebenswürdig und sympatisch. 2 Wochen bevor ich geflogen bin habe ich angefangen mit meinen Gastschwestern zu schreiben, war aber dennoch sehr aufgeregt sie das erste Mal zu treffen.

Bald ist es soweit!

Bis vor ein paar Monaten habe ich mir noch nicht viele Gedanken über mein Entschluss ein Auslandsjahr zu machen gemacht. Ich hatte mich zwar schon beworben, wurde angenommen und das erste Vorbereitungswochenende stand an, aber mir war noch nicht bewusst was für ein Schritt ich bald wagen würde. Ich würde ganz auf mich allein gestellt sein. Als ich anfing darüber nach zu denken entstanden Zweifel und Angst, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Ich malte mir aus, dass ich mich mit meiner Gastfamilie nicht verstehen und dass ich dieses Jahr nicht überstehen würde. Ich stellte mir unzählige Fragen wie: „Werde ich mich an das Essen gewöhnen?“, „Werde ich mich an das Klima gewöhnen?“, „Werde ich mich mit meiner Gastfamilie verstehen?“, „Gewöhne ich mich an diese komplette Umstellung?“, “ Bin ich wirklich auf diesen Schritt vorbereitet?“  oder „Was ist wenn ich keine Freunde finde?“. Ich hatte auch große Angst, dass ich mich von meiner besten Freundin, die ich schon seit 15 Jahren kenne, entfernen würde und dass unsere Freundschaft, die mir unendlich wichtig ist, in diesem Jahr zerbrechen würde.
Doch als ich die erste Vorbereitung, die sehr viel Spaß gemacht hat, hinter mir hatte, waren ein paar Sorgen verschwunden und sie verschwanden nach jeder Vorbereitung mehr. Ich freute mich auf das Unbekannte und konnte es gar nicht mehr erwarten endlich zu packen und los zu fahren. Dieses Gefühl verstärkte sich auch, als ich die ersten Details über meine Gastfamilie erfahren habe. Sie passt perfekt zu mir! (Hier findest du die Infos zu meiner Gastfamilie) Außerdem haben mir meine Eltern sehr viel Mut gemacht und mir eingeflößt, dass ich es mein Leben lang bereuen würde, wenn ich dieses Jahr nicht machen würde und dass ich eine unvergessliche Erfahrung machen werde. Nach und nach habe ich ihnen geglaubt und auch die Angst um die Freundschaft mit meiner besten Freundin wurde weniger. Ich weiß jetzt, und das ist mir erst wirklich in den letzten Wochen und Monaten klar geworden, dass unsere Freundschaft so stark ist, dass sie selbst mehrer Jahre überstehen würde. Natürlich sind bis heute noch Ängste geblieben, da ich mir nicht vorstellen kann, so lange Zeit von meiner Familie, besonders von meinem kleinen Halbbruder und meinen Freunden getrennt zu sein aber ich weiß mittlerweile, dass es das unvergesslichste Jahr meines Lebens wird und das ich viel erfahren und lernen werde.

Und morgen ist es soweit. Morgen fahren wir (Meine Mutter, mein Vater, meine Schwester, meine beste Freundin und ich) nach Frankfurt, da der Flug am Freitag, also übermorgen, sehr früh geht. Mein Koffer ist noch nicht ganz gepackt, bzw. er ist gepackt aber zu schwer und ich muss entweder Sachen aussortieren oder manche Sachen in einen zweiten Koffer packen, den ich dann als Handgepäck mitnehme. Heute ist der letzte Abend zu Hause und morgen früh sehe ich meinen Halbbruder zum letzten Mal. Von meinen Schulfreunden habe ich mich schon verabschiedet und Personen, denen ich noch etwas sagen will, habe ich einen Brief geschrieben. Ich bin sehr gespannt auf meine Gastfamilie und freue mich auf den Flug und die Leute, die ich auf den Vorbereitungen kennengelernt habe, wieder zu sehen.